Seit Juni ist es in Europa so heiss wie noch nie und seit April fällt in der Schweiz kaum noch Regen. Die Felder der Bauern verdorren, Flüsse führen kaum mehr Wasser, Bäche versiegen und die Seen wie Bodensee, Walensee und Zugersee sowie kleinere Seen wie Sempacher- oder Hallwilersee weisen für die Jahreszeit extrem tiefe Wasserstände auf. Dieser Sommer zeigt uns etwas, das wir lange verdrängt haben. Unser gesamtes System, von der Landwirtschaft bis zur Energieversorgung, hängt an einem einzigen Faden. Und dieser Faden heisst Wasser. 

Die Natur leidet zuerst

Am sichtbarsten ist das Leiden der Natur. Fische verenden, weil das Wasser zu warm ist oder in vertrockneten Flussbetten. Vielerorts braucht es grosse Rettungsaktionen, um die überlebenden Tiere in kühlere Gewässer umzusiedeln. Das Gras verdorrt auf den ehemals saftig grünen Feldern, und damit haben die Bauern kaum mehr Futter für ihre Nutztiere. Viele müssen Futter importieren oder ihre Tiere notschlachten. Diese Dürre wird die Landwirtschaft noch mindestens zwei Jahre begleiten, um die wirtschaftlichen Schäden aufzuholen. Manche Betriebe werden aufgeben müssen. Aber auch die Natur braucht Jahre, um sich von der aktuellen Dürre zu erholen. Was in diesem Sommer verloren geht, kommt nicht einfach im nächsten Frühling zurück.

Wenn Wasser fehlt, fehlt auch Energie

So schmerzhaft diese Bilder sind, sie sind nur die halbe Geschichte. Denn Wasser ist nicht nur Lebensgrundlage für Pflanzen und Tiere. Es ist auch das stille Fundament unserer Energieversorgung. Und genau dieses Fundament beginnt zu bröckeln.

Wasserkraft trocknet buchstäblich aus

Die Wasserkraft, die in der Schweiz traditionell das Rückgrat der Stromversorgung bildet, gerät unter Druck. Flusskraftwerke verlieren mit dem Wasser direkt ihre Antriebskraft. Aber selbst die grossen Speicherseekraftwerke in den Bergen kämpfen. Schon im vergangenen Winter fiel zu wenig Schnee. Der Regen im Frühling und Sommer blieb aus. Was aktuell an Wasser in die Speicherseen fliesst, stammt vor allem aus schmelzenden Gletschern. Doch von diesen Gletschern gibt es Jahr für Jahr weniger. Sollten weitere Sommer wie dieser folgen, wird auch diese Reserve schrumpfen. Die Schweiz würde damit eine ihrer verlässlichsten und saubersten Energiequellen zunehmend verlieren.

In den kommenden Wintern erwartet man weniger Schnee, dafür Regen. Damit entfällt die längerfristige Speicherkapazität des Schnees für den Frühling bis in den Frühsommer. Das hat Konsequenzen für die Wasserstände in den Flüssen und Seen.  

Atomkraftwerke brauchen Wasser, viel Wasser

Was viele nicht wissen: Auch Atomkraftwerke sind auf grosse Mengen Kühlwasser angewiesen. Wird das Flusswasser zu warm, dürfen die Kraftwerke es nicht mehr in gewohnter Menge zur Kühlung entnehmen und anschliessend erwärmt zurückleiten. Sonst würde das Wasser für die ohnehin schon gestressten Fische lebensgefährlich. Die Folge: Die Werke müssen ihre Leistung drosseln oder zeitweise ganz vom Netz gehen. Ausgerechnet in den heissesten Wochen des Jahres, wenn der Strombedarf für Kühlung besonders hoch ist, liefern die Atomkraftwerke also weniger.

Nicht nur die Temperatur des Wassers spielt eine Rolle, sondern auch die Menge. Die Schweizer Atomkraftwerke sind aus einem guten Grund an Fliessgewässern gebaut. Denn sie brauchen Wasser. Viel Wasser. Alleine im Kernkraftwerk in Gösgen werden pro Tag 34 000 bis 60 000 Kubikmeter Wasser (1 Kubikmeter Wasser entspricht 1000 Liter) pro Tag verdunstet. Das entspricht etwa dem Jahresverbrauch von einem Dorf mit 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Natürlich ist das Wasser nicht verloren. Aber damit es brauchbar wieder zurückkommt, muss es regnen. Etwas, was in den letzten Wochen und Monaten nicht stattgefunden hat.

Ein Kernkraftwerk wie in Beznau benötigt pro Tag 345 000 Kubikmeter Wasser. Da verdunstet nichts, aber die grosse Menge an Wasser fliesst erwärmt zurück in den Fluss. Was wiederum Stress für die bereits geplagte Tierwelt bedeutet. 

Heisst, die ursprüngliche Bandenergie aus Atomkraft fällt im Sommer weg. Das macht die Kernenergie in Zukunft kostenintensiv. Denn die hohen Betriebskosten bei Atomkraftwerken bleiben, selbst wenn die Energie gedrosselt oder abgeschaltet werden muss. Während man früher quasi das ganze Jahr Energie liefern konnte, fallen die AKWs mit jedem Sommer öfters aus. Das macht den Energiepreis deutlich teurer. 

Sogar Öl und Benzin brauchen Wasser

Am überraschendsten ist vielleicht diese Erkenntnis: Selbst fossile Energieträger wie Öl und Benzin sind auf Wasser angewiesen, allerdings nicht zur Erzeugung, sondern zum Transport. Der Rhein führt derzeit so wenig Wasser, dass kaum noch neue fossile Brennstoffe auf dem Wasserweg in die Schweiz gelangen. Diese wichtige Transportroute droht in absehbarer Zeit vollständig zu versiegen. Ein Land, das auf Importe angewiesen ist, spürt damit die Dürre auch dort, wo man es zuletzt vermuten würde: an der Tankstelle und im Heizöltank. Bereits heute ist der Transport deutlich teurer. Während früher eine Tonne Material zum Preis von 20 Franken in die Schweiz transportiert werden konnte, betrug dieser Ende Juli bereits 240 Franken, da die Schiffe wegen des fehlenden Tiefgangs nur 15 % der Fracht laden konnten. Die Verlagerung auf Strasse und Schiene würde zu noch höheren Kosten führen. 

Sonne und Wind: unabhängig, aber nicht lückenlos

Photovoltaik erscheint in diesem Sommer wie die logische Antwort. Sie liefert bei viel Sonnenschein zuverlässig Strom, ganz ohne Wasser. Doch auch sie hat eine offensichtliche Grenze: Sie funktioniert nur mit Licht. Sobald die Sonne untergeht, braucht es Speicherbatterien, um die Versorgung über die Nacht zu sichern. Ohne ausreichende Speicherkapazität bleibt Photovoltaik eine Tagesenergie, so wertvoll sie auch ist.

Windkraft wiederum ist auf Wind angewiesen. Sie ist damit ebenso wetterabhängig wie Photovoltaik, nur zu anderen Zeiten und unter anderen Bedingungen. Beide Technologien ergänzen sich gut, weil sie oft dann liefern, wenn die jeweils andere schwächelt. 

Damit die Überschussenergie von Sonne und Wind auch nachhaltig zu dunklen und windarmen Zeiten genutzt werden kann, braucht es dringend einen Ausbau von grossen Batteriespeichern.

Der Mix macht den Unterschied

Dieser Sommer legt schonungslos offen, wie eng unsere gesamte Energieversorgung mit dem Wasserkreislauf verflochten und jede Energieform wetterabhängig ist. Atomkraft, Wasserkraft und selbst fossile Energie stossen an ihre Grenzen, sobald das Wasser fehlt oder die Temperaturen zu hoch sind. Photovoltaik und Windkraft sind zwar unabhängig vom Wasser, dafür aber abhängig vom Wetter und von ausreichender Speicherkapazität.

Die Antwort kann deshalb nicht eine einzelne Wundertechnologie sein. Es braucht einen gesunden, breit abgestützten Mix aus verschiedenen Energiequellen, der Ausfälle in einem Bereich durch Stärken in einem anderen kompensieren kann. Gerade deshalb ist es umso dringender, den Ausbau von Solar und Windkraft konsequent voranzutreiben. Sie sind die einzigen grossen Energiequellen, die von der Wasserkrise selbst nicht unmittelbar betroffen sind und rasch zugebaut werden können. Verbunden mit ausreichender Speicherkapazität für sonnen- und windarme Stunden, könnten sie einen wichtigen Puffer bilden, wenn Flüsse versiegen und Speicherseen leerlaufen.

Was jetzt entschieden werden müsste

Die Technologie für einen krisenfesten Energiemix existiert bereits. Was fehlt, ist oft der politische Wille, sie in einem Tempo umzusetzen, das der Dringlichkeit entspricht. Einige konkrete Ansatzpunkte, die in der aktuellen Debatte immer wieder genannt werden.

  • Bewilligungsverfahren beschleunigen. Solar- und Windprojekte scheitern in der Schweiz häufig nicht an der Technik, sondern an jahrelangen Einsprache- und Bewilligungsverfahren. Eine Straffung dieser Prozesse, ohne den Umweltschutz auszuhebeln, könnte den Ausbau erheblich beschleunigen.
  • Speicherinfrastruktur gezielt fördern. Batteriespeicher und Pumpspeicherkraftwerke sind das fehlende Bindeglied, damit Solar und Windstrom auch dann verfügbar sind, wenn die Sonne nicht scheint oder kein Wind weht. Investitionsanreize und klare regulatorische Rahmenbedingungen für Grossspeicher wären ein wirksamer Hebel.
  • Wasserrückhalt und Bodenschutz in der Raumplanung verankern. Versiegelte und ausgetrocknete Böden können Starkregen nicht mehr aufnehmen. Eine Raumplanung, die Retentionsflächen, Feuchtgebiete und Bodenschutz konsequent mitdenkt, würde sowohl Überschwemmungen als auch künftige Dürreperioden abfedern.
  • Landwirtschaft bei der Anpassung unterstützen. Dürreresistente Anbaumethoden, Tröpfchenbewässerung und Nothilfefonds für Betriebe in Krisenjahren brauchen verlässliche, langfristig angelegte Förderprogramme statt einmaliger Nothilfen nach dem Ereignis.
  • Grenzüberschreitende Energiekooperation stärken. Da Dürre und Hitze ganz Europa betreffen, wäre ein besser vernetzter europäischer Strommarkt hilfreich, um regionale Engpässe durch Überschüsse anderswo auszugleichen.

Der eigentliche Knackpunkt liegt jedoch woanders. Viele dieser Massnahmen brauchen Jahre, bis sie Wirkung zeigen, oft länger, als eine einzelne Legislaturperiode dauert. Das stellt eine wichtige Frage in den Raum: Sind Politikerinnen und Politiker bereit, Geld und Umstellungen zu beschliessen, deren Erfolg sie selbst möglicherweise nicht mehr feiern dürfen? Diese Frage wird am Ende darüber entscheiden, ob dieser Sommer als Weckruf verstanden wurde oder als Randnotiz in den Akten verschwindet.

Im besten Fall bleibt dieser Sommer eine Ausnahme, ein Jahrhundertsommer, wie es ihn in dieser Heftigkeit nicht so schnell wieder gibt. Im schlimmsten Fall ist er ein Vorgeschmack auf das neue Normal. Auf jeden Fall zeigt er uns unmissverständlich, wo die Verletzlichkeiten unseres Energiesystems liegen.